Wie wirkt sich die Digitalisierung in Volksschulen auf den Schriftspracherwerb aus? – Sabrina Gerth & Julia Festman

Aktuell wird die Debatte um die Digitalisierung in den Schulen ausgiebig in der Politik und den Medien geführt. Weltweit wird daran gearbeitet, mehr neue Technologien in die Klassenzimmer zu bringen. Leider wird noch relativ wenig Grundlagenforschung zum Einsatz digitaler Medien in der Fachdidaktik betrieben. Diese ist aber essentiell, um eine Basis zu schaffen, damit die Prozesse des Schriftspracherwerbs und der Einfluss der Digitalisierung auf die schulischen Lernprozesse besser verstanden werden.

Die Forschung im Bereich der Digitalisierung im Deutschunterricht sollte viel stärker in den Fokus nehmen, ob es den Kindern Vor- oder Nachteile bringt, wenn sie in der Schule mit den neuen Medien (z.B. Tablets) lernen. Vorstudien in der Forschergruppe „Heterogenität und Inklusion“ an der Universität Potsdam zu diesem Forschungsprojekt (Gerth et al., 2016, HMS & Frontiers in Psychology) haben für den Bereich des Handschreibens auf Tablets gezeigt, dass Schreibanfänger stark von der glatteren Oberfläche eines Tablets beeinflusst sind und sich ihre Handschriftqualität und Schriftausführung verschlechtert. Aufgrund dieser Ergebnisse wird bezweifelt, dass Kinder in der Lage sind, genauso gut auf einem Tablet schreiben zu lernen, wie auf dem Papier, da die glattere Oberfläche des Tablets eine zusätzliche motorische Herausforderung für sie darstellt und den Handschrifterwerb möglicherweise verzögern und erschweren kann. In diesem Forschungsprojekt an der PHT wird auf diesen Studienergebnissen weiter aufgebaut. Dazu wurden bereits Daten an der Universität Potsdam in der Forschergruppe „Heterogenität und Inklusion“ erhoben, die nun analysiert werden. Es werden dabei die motorischen Komponenten des Handschreibens, sowie der Einfluss von Rechtschreibung und morphologischer Bewusstheit während des Schreibens genauer untersucht.

Die digitalen Medien können ebenso zum Leseerwerb eingesetzt werden. Eine mögliche Methode ist das Lesen mit Hörbuch (Gailberger & Gailberger, 2010; Nix, 2011). Hierbei hört das Kind gleichzeitig den Text (z.B. jederzeit über ein Tablet abspielbar), während es selbst den Text mitliest (z.B. direkt vor sich auf dem Tablet). Vermutet wird, dass gerade schwache Leser dadurch sehr gut motiviert werden, das Lesen selbstständig zu üben (Badel & Schneider, 2005). Aber führt diese Methode lediglich zur Steigerung der Lesemotivation oder kann sie darüber hinaus basale Lesefertigkeiten trainieren? Die an der Universität Potsdam erhobenen Daten werden derzeit analysiert und verschriftlicht.

Durch das Vermitteln der aktuellen Forschungslage im Bereich der Digitalisierung und des Schriftspracherwerbs in der Volksschule im Fach Deutsch/Mehrsprachigkeit soll das Grundlagenwissen der Lehrkräfte an der PHT verbessert werden. Die PädagogInnen sollen in Hinblick auf die Anforderungen an digitale Kompetenzen wissenschaftlich begleitet werden, damit die neuen Medien in Lehr- und Lernprozessen effektiv eingesetzt werden können.

 

Projektlaufzeit: 1.01.2018-30.11.2021

Projekt-Leitung: Mag. Dr. Sabrina Gerth

Mentorin: HS-Prof. habil. Mag. Julia Festman, Ph.D.

 

Publikationen:

Klassert A., Bormann, S., Festman J. & Gerth S. (2018) Rechtschreibung von Konsonantenclustern und morphologische Bewusstheit bei Grundschüler_innenZeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 50,115-125.

Gerth S., Klassert A., Dolk T., Fliesser M., Fischer M. H., Nottbusch G. & Festman J. (2016) Is learning to write affected by the surface? Comparing preschoolers’, second graders’ and adults’ writing performance on a tablet versus paper. Frontiers in Psychology, Research Topic: Touch screen tablets touching children’s lives, 7:1308.

Gerth S., Dolk T., Klassert A., Fliesser M., Fischer M. H., Nottbusch G. & Festman J. (2016) Adapting to the surface: A comparison of handwriting measures when writing on a tablet computer and on paperHuman Movement Science, 48, pp. 62-73.

Vorträge:

Gerth S. & Festman J. (2019) Wie wirkt sich der Einsatz neuer Medien in Volksschulen auf den Schriftspracherwerb aus? Vortrag wurde präsentiert auf der Tagung „Deutschunterricht im Zeichen der Digitalisierung“ des Österreichischen Forums Deutschdidaktik (ÖFDD), 28.02.-02.03.19, Paris Lodron Universität Salzburg.

Gerth S. & Festman J. (2018) Slow readers are NOT bad readers: an eye-movement study on reading fluency while listening to an audiobook. Vortrag wurde präsentiert auf der 44. Österreichischen Linguistiktagung, 26.-28. Oktober, Universität Innsbruck.